„Sind wir zu dumm für die Zukunft?“
Diese provokante Frage stellen Harald Lesch und Aladin El-Mafaalani in ihrem Gespräch über die zunehmende Paradoxie moderner Gesellschaften: Noch nie hatten Menschen so viel Wissen über die großen Herausforderungen der Zukunft – Klimawandel, soziale Ungleichheit, Digitalisierung. Und doch scheint unsere Fähigkeit, diese Probleme gemeinsam zu lösen, eher zu stagnieren als zu wachsen.
Idiocracy: Zu dumm für die Zukunft? | Harald Lesch & Aladin El-Mafaalani
Warum unsere Gesellschaft Jugendliche wieder als Kultur-Innovatoren braucht
Jetzt mal ehrlich: So viele Probleme, so viele schlaue Möglichkeiten – aber gelöst bekommen wir gefühlt doch nix!
Vom Stress-Modus der Horde zum Dialog-Modus der Demokratie
Warum wir das evolutive Potenzial der Jugend als Kultur-Innovatorin neu entdecken müssen
Unsere Gesellschaft hat keine Wissenskrise.
Sie hat eine Strukturkrise.
Noch nie wusste die Menschheit so viel über ihre Zukunftsprobleme – Klimawandel, Digitalisierung, soziale Ungleichheit. Die Analysen sind vorhanden, die technischen Möglichkeiten ebenso. Und doch wirken unsere politischen Systeme oft erstaunlich handlungsunfähig.
Harald Lesch weist in einer Diskussion mit Aladin El-Mafaalani darauf hin, dass Gesellschaften häufig Nischenlösungen bereithalten, die erst dann genutzt werden, wenn bestehende Strukturen sichtbar scheitern. Innovation wird oft erst akzeptiert, wenn Krisen sie erzwingen.
Doch genau hier liegt ein Risiko moderner Gesellschaften: Viele Entwicklungen folgen Kipppunkten. Wird ein solcher Punkt überschritten, verändern sich Systeme irreversibel – und erst dann wird erkannt, was verloren gegangen ist.
Das gilt nicht nur für ökologische Systeme, sondern auch für demokratische Ordnungen. Wenn antidemokratische Kräfte in Parlamenten genügend Macht gewinnen, um grundlegende institutionelle Veränderungen zu blockieren oder zu erzwingen – etwa durch Sperrminoritäten oder qualifizierte Mehrheiten –, wird die Fragilität demokratischer Strukturen plötzlich sichtbar.
Dann ist es oft zu spät, die kulturellen Voraussetzungen der Demokratie schnell wiederherzustellen.
Die eigentliche Herausforderung besteht daher darin, gesellschaftliche Lernfähigkeit zu organisieren, bevor Krisen unumkehrbar werden.
1. Die alte Horde in einer neuen Welt
Die sozialen Reflexe des Menschen entstanden in kleinen Gruppen. In diesen Gruppen ging es ums Überleben: Zugehörigkeit klären, Feinde erkennen, Loyalität sichern.
Unter Stress reduziert das Gehirn Komplexität. Es denkt in Gegensätzen und stabilisiert die eigene Gruppe.
Diese Logik war in der Horde funktional.
In global vernetzten Gesellschaften wird sie problematisch.
Jugendliche wachsen heute in einer Welt auf, in der ihr Kommunikationsradius theoretisch die gesamte Menschheit umfasst. Gleichzeitig erleben sie eine Öffentlichkeit, die häufig von archaischen Mustern geprägt ist:
Freund-Feind-Narrative.
Empörungslogiken.
Misstrauen gegenüber Institutionen.
Hier entsteht die Paradoxie, auf die Lesch und El-Mafaalani hinweisen: Noch nie verfügten Gesellschaften über so viel Wissen – und doch geraten ihre Kommunikationsräume zunehmend in einen dauerhaften Stress-Modus.
Polarisierung ersetzt Aushandlung.
Abgrenzung ersetzt gemeinsame Wirklichkeitsbildung.
2. Der Verlust demokratischer Selbstbilder
Demokratie lebt nicht nur von Institutionen.
Sie lebt von Selbstbildern.
Ein demokratisches Selbstbild entsteht dort, wo Menschen sich als Teil eines gemeinsamen politischen Projekts verstehen. Es beruht auf der Erfahrung, dass gesellschaftliche Entwicklungen mit Unterstützung der Bevölkerung gestaltet werden können.
Gerät politische Kommunikation dauerhaft in den Stress-Modus, verändert sich dieses Selbstverständnis. Politik erscheint nicht mehr als gemeinsamer Gestaltungsraum, sondern als Konfliktarena rivalisierender Gruppen.
Für Jugendliche im Prägefenster ihrer politischen Sozialisation hat das gravierende Folgen. Ihre ersten Erfahrungen mit Öffentlichkeit sind häufig geprägt von Polarisierung und symbolischer Beteiligung.
Das demokratische Selbstbild – die Vorstellung, Teil eines lernfähigen Gemeinwesens zu sein – wird dadurch schwächer.
Die Demokratiekrise liegt daher weniger im mangelnden Interesse junger Menschen als im Fehlen verlässlicher Resonanzräume, in denen ihre Perspektiven tatsächlich Wirkung entfalten können.
3. Jugendphase als evolutiver Kulturfilter
Anthropologisch ist die Jugendphase ein zentraler Mechanismus kultureller Evolution.
Das Manuskript „Kairos kontra Krise“ beschreibt Pubertät als Übergang zwischen sozialen Ordnungen. Jugendliche lösen sich von ihrer Herkunftsgruppe, suchen neue Zugehörigkeiten und testen alternative Lebensformen.
Neurobiologisch wird dieser Prozess durch hohe Plastizität begleitet: Netzwerke werden umgebaut, Stresssensitivität steigt, gleichzeitig wächst die Fähigkeit zur Innovation.
Historisch war dieser Übergang kulturell eingebettet: Rituale, reale Verantwortungsräume, Mitwirkung mit Folgen.
Jugendliche waren nicht nur Lernende.
Sie waren Träger kultureller Updates.
In modernen Gesellschaften ist diese Rolle weitgehend verloren gegangen. Jugend wird administriert – als Objekt von Bildung, Sozialpolitik oder Jugendschutz.
Ihre Funktion als Kultur-Innovatorin bleibt institutionell ungenutzt.
Das Buch Kairos kontra Krise (derzeit als Rohfassung online verfügbar) entwickelt daraus eine zentrale These: Gesellschaften verlieren ihre kulturelle Erneuerungsfähigkeit, wenn sie das evolutive Zeitfenster der Jugendphase institutionell ungenutzt lassen.
4. Dauerstress statt Kulturentwicklung
Eine Gesellschaft unter Dauerstress verändert ihre Betriebsart.
Der Stress-Modus wird zur Normalität.
Der Dialog-Modus wird zur Ausnahme.
Politisch zeigt sich das in vertrauten Mustern:
Entscheidungen unter Zeitdruck.
Reduktion komplexer Fragen auf Schlagworte.
Polarisierung statt Verständigung.
Symbolische Beteiligung statt realer Aushandlung.
Für Jugendliche hat das besondere Konsequenzen. Wenn Zugehörigkeit vor allem über Konkurrenz und Bewertung organisiert wird, lernen sie eine harte Grammatik des Sozialen.
Bleibt ihre Irritation folgenlos, entsteht ein einfacher Schluss:
„Meine Perspektive zählt nicht – also zähle ich nicht.“
5. Inseln des Dialog-Modus
Und doch existieren sie bereits: Räume, in denen gesellschaftlicher Dialog möglich bleibt.
Vor allem auf kommunaler Ebene entstehen Beteiligungsformen, die Jugendlichen reale Resonanz ermöglichen.
In Baden-Württemberg zeigen etwa
die gesetzlich verankerte Jugendbeteiligung (§41a GemO)
8er-Räte
Formate wie „Pizza & Politik“
der Aufbau des Landesjugendforums Baden-Württemberg
dass solche Räume funktionieren können.
Diese Initiativen sind kleine Inseln des Dialog-Modus.
Doch sie bleiben fragil. Sie hängen von engagierten Einzelpersonen ab und erreichen nur Teile einer Generation.
6. Von der Horde zur Kohorte
Hier setzt ein grundlegender Perspektivwechsel an.
Die entscheidende Einheit kultureller Entwicklung könnte nicht mehr die zufällige Gruppe sein – sondern die Kohorte, also ganze Jahrgänge.
Kohorten wachsen unter ähnlichen historischen Bedingungen auf. Sie teilen Medienräume, Krisennarrative und institutionelle Erfahrungen.
Wenn Demokratie lernfähig bleiben soll, reicht es nicht, einzelne Jugendliche zu aktivieren.
Ganze Jahrgänge müssen erleben, wie gesellschaftliche Wirklichkeit gemeinsam gestaltet wird.
Der Übergang von der Horde zur Kohorte.
7. PSI-21 als Lernarchitektur
Das Konzept PSI-21 (Politik – Schule – Internet) übersetzt diese Idee in eine institutionelle Struktur.
Es verbindet drei Räume:
Schule als Kohorten- und Lernraum.
Politik als Entscheidungs- und Verantwortungsraum.
Internet als dokumentierenden Kommunikationsraum.
Jugendliche erleben wiederkehrende Dialogprozesse mit politischen Institutionen – zunächst auf kommunaler Ebene, später auch auf Landes-, Bundes- oder europäischer Ebene.
Die Kommune wird so zum Labor demokratischer Sozialisation.
8. Der Kairos der Demokratie
Die eigentliche Frage lautet daher nicht:
Sind wir zu dumm für die Zukunft?
Sie lautet:
Sind unsere Institutionen bereit, lernfähig zu werden – indem sie das kreative Potenzial der nächsten Generation strukturell aufnehmen?
Der griechische Begriff Kairos bezeichnet den richtigen Moment für Veränderung.
Vielleicht liegt genau hier der Kairos unserer Demokratie.
Jugendliche sind nicht nur Empfänger von Bildung.
Sie sind Träger der nächsten kulturellen Entwicklungsstufe.
Der Mut zum Dialog-Modus ist deshalb kein Luxus.
Er ist die wichtigste Investition in die Zukunftsfähigkeit demokratischer Gesellschaften.
