Keine Wissenskrise – eine Strukturkrise

Warum Demokratie das kreative Potenzial der Jugend strukturell aufnehmen muss

Unsere Gesellschaft scheitert nicht daran, dass zu wenig gedacht wird.
Sie scheitert zunehmend daran, wie sie kommuniziert, lernt und Entwicklung organisiert.

Wir leben nicht in erster Linie in einer Wissenskrise. Das Wissen über Klimawandel, Bildungsungleichheit, soziale Spaltung, digitale Manipulation, psychische Belastung junger Menschen und demokratischen Vertrauensverlust ist vorhanden.

Und doch handeln wir oft zu spät.

Das Problem liegt tiefer:
Unsere Gesellschaft besitzt zu wenig verlässliche Strukturen, um frühe Wahrnehmungen, Irritationen und Zukunftsimpulse rechtzeitig aufzunehmen.

Politik gerät dadurch immer häufiger in einen Stress-Modus:

  • Polarisierung statt Dialog
  • Abgrenzung statt Verständigung
  • Mobilisierung statt gemeinsamer Wirklichkeitsbildung
  • Krisenmanagement statt kultureller Vorsorge

Demokratie funktioniert formal weiter.
Wahlen finden statt. Parlamente tagen. Verfahren laufen.

Doch ihre kulturelle Grundlage beginnt zu erodieren.

Denn Demokratie lebt nicht nur von Institutionen. Sie lebt von Erfahrungen: gehört zu werden, wirksam zu sein, Teil eines gemeinsamen Projekts zu sein. Wo diese Erfahrungen fehlen, entsteht formale Legitimität ohne kulturelle Bindung.

Ein Haus ohne Fundament.

Die verdrängte Rolle der Jugend

Hinter dem Gefühl eines politischen Durcheinanders könnte eine unbequeme Einsicht liegen:

Gesellschaften brauchen Irritation.
Sie brauchen das „Pubertier“.

Nicht als Störung.
Nicht als Defizit.
Sondern als evolutionären Mechanismus kultureller Erneuerung.

Die Jugendphase ist jene Lebenszeit, in der Menschen beginnen, bestehende Ordnungen infrage zu stellen. Jugendliche testen Grenzen, suchen Zugehörigkeit, entwickeln eigene Perspektiven, widersprechen, provozieren, träumen, zweifeln, entwerfen.

Das ist anstrengend.
Aber es ist kulturell notwendig.

Denn ohne diese Irritation reproduziert Gesellschaft nur ihre Vergangenheit. Sie wird zu einem System, das alte Muster immer wieder bestätigt, auch wenn diese Muster längst nicht mehr tragen.

Jugendliche sind deshalb nicht nur Empfänger von Bildung.
Sie sind Träger der nächsten kulturellen Entwicklungsstufe.

Wenn sie jedoch keine Möglichkeit bekommen, sich konstruktiv als zukünftige Staatsbürgerinnen und Staatsbürger zu definieren, entsteht ein Vakuum.

Und dieses Vakuum bleibt nicht leer.

Wenn Erwachsene „Pubertät“ spielen

Wo die Jugend nicht irritieren darf, übernehmen andere diese Rolle — aber im falschen Modus.

Dann erzeugen nicht mehr Jugendliche produktive Reibung, sondern erwachsene Akteure inszenieren Dauerprovokation. Sie spielen „Pubertät“, aber ohne Entwicklungsziel. Nicht Verständigung ist ihr Zweck, sondern Aufmerksamkeit. Nicht Zukunftsfähigkeit, sondern Eskalation.

Sie leben vom Konflikt.
Sie brauchen Empörung.
Sie verstärken den Stress-Modus.

Die entscheidende Frage lautet daher:

Wem gestehen wir in einer Demokratie zu, Aufmerksamkeit zu erzeugen?

Jugendlichen, die versuchen, Zukunft konstruktiv zu gestalten?
Oder Akteuren, die Konflikt bewirtschaften und das System selbst destabilisieren?

Unter Bedingungen von PSI-21 könnten Jugendliche durchaus Veränderung fordern — auch tiefgreifende, unbequeme, disruptive Veränderung. Aber sie täten dies nicht als bloße Erregungsgemeinschaft, sondern auf Grundlage gemeinsamer Erfahrung, Reflexion, Dokumentation und politischer Rückkopplung.

So entsteht nicht nur politische Forderung.
So entsteht ein stabiles kulturelles Fundament.

Das Vakuum wird gefüllt

Wo Jugendliche nicht als Kultur-Innovatoren wirken können, übernehmen andere diese Funktion:

populistische Bewegungen, radikale Vereinfachungen, künstlich erzeugte Konflikte, digitale Empörungsökonomien.

Was wie politische Radikalisierung erscheint, ist oft auch ein fehlgeleiteter Ersatz für fehlende gesellschaftliche Irritation.

Nicht mehr die Jugend stellt die notwendigen Fragen.
Stattdessen stellen Akteure die lautesten Fragen, die vom Stress-Modus profitieren.

Die Folge ist eine paradoxe Umkehrung: Eine Gesellschaft, die Jugendliche vor „Unreife“ schützen oder sie pädagogisch formatieren will, überlässt die kulturelle Irritation am Ende jenen Kräften, die am wenigsten an Reifung interessiert sind.

Habermas — und die doppelte Lücke

Jürgen Habermas hat gezeigt: In der Sprache liegt ein Versprechen auf Verständigung. Kommunikation kann zu Vernunft führen, wenn Menschen sich als gleichberechtigte Gesprächspartner ernst nehmen.

Doch dieses Versprechen erfüllt sich nicht von selbst.

Heute zeigt sich eine doppelte Lücke:

Der herrschaftsfreie Diskurs bleibt ein Ideal.
Gleichzeitig verschwinden die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen er überhaupt entstehen kann.

Talkshows erzeugen Sichtbarkeit, aber selten gemeinsame Wirklichkeitsbildung.
Parlamente treffen Entscheidungen, aber sie sind für viele Menschen zu weit von ihrer eigenen Lebenswirklichkeit entfernt.
Soziale Medien erzeugen Resonanz, aber häufig ohne Verantwortung.

Wenn Verständigung der Motor demokratischer Entwicklung ist, müssen wir fragen:

Wo wird Verständigung eigentlich gelernt?

Nicht zuerst in Talkshows.
Nicht zuerst in Parlamenten.
Sondern in der Sozialisation einer Generation.

Demokratie wird nicht nur entschieden.
Sie wird erlernt.

Nicht abgeschlossene Entwicklungsprozesse

Hier liegt eine tiefere kulturelle Problematik.

Wenn junge Menschen in ihrer Entwicklung vor allem Anpassung, Bewertung, Beschämung, Konkurrenz oder folgenlose Beteiligung erfahren, bleiben zentrale Entwicklungsprozesse unvollständig. Dann entsteht keine stabile Erfahrung von Selbstwirksamkeit, Zugehörigkeit und Verantwortung.

Menschen können erwachsen werden, ohne je wirklich erfahren zu haben, dass ihre Wahrnehmung zählt.
Sie können politisch mündig genannt werden, ohne demokratisch wirksam geworden zu sein.
Sie können Rechte besitzen, ohne kulturell eingebunden zu sein.

Das hat Folgen.

Nicht abgeschlossene Entwicklungsprozesse bleiben jedoch nicht privat. Sie werden gesellschaftlich wirksam.

Eine Gesellschaft, die ihren Jugendlichen keine echte Erfahrung von Selbstwirksamkeit, Zugehörigkeit und Verantwortung ermöglicht, produziert Erwachsene, die Veränderung zwar abstrakt befürworten, sie aber emotional oft als Bedrohung erleben. Denn wer in der eigenen Entwicklung gelernt hat, dass Anpassung sicherer ist als Gestaltung, wird später auch gesellschaftliche Veränderung eher vermeiden als tragen.

So entsteht eine stille Form kultureller Stagnation.

Nicht weil Menschen dumm, böse oder grundsätzlich konservativ wären. Sondern weil ihr inneres Entwicklungssystem nicht ausreichend erfahren hat: Wandel kann gehalten werden. Konflikt kann bearbeitet werden. Neues muss nicht den Verlust von Zugehörigkeit bedeuten.

Die Angst vor Veränderung ist dann nicht nur eine politische Haltung. Sie ist ein kulturell gespeichertes Entwicklungsdefizit.

Und genau dieses Defizit stabilisiert jene Verhältnisse, unter denen es entstanden ist.

Warum Rollbacks immer wiederkehren

Viele progressive Bewegungen kennen dieses Muster: Sie erkämpfen Fortschritte, doch nach einiger Zeit kommen Gegenbewegungen. Errungenschaften werden relativiert, angegriffen oder zurückgedreht.

Ein Grund dafür liegt darin, dass Veränderung oft als moralische Setzung organisiert wird, nicht als kultureller Lernprozess.

Wenn Menschen neue Normen nur als Vorgabe erleben, aber nicht als gemeinsam erarbeitete Erfahrung, bleiben sie äußerlich. Sie werden akzeptiert, solange der soziale Druck stark genug ist. Fällt dieser Druck weg, kehren alte Muster zurück.

Stabile kulturelle Entwicklung braucht deshalb mehr als richtige Positionen. Sie braucht Räume, in denen neue Haltungen erlebt, geprüft, verhandelt und in Selbstwirksamkeit übersetzt werden.

Das gilt besonders für Jugendliche.

Denn in der Jugendphase wird nicht nur Wissen aufgenommen. Es entsteht ein Grundgefühl: Bin ich Teil des Ganzen? Zählt meine Wahrnehmung? Kann ich mit anderen etwas bewirken? Ist Demokratie ein ferner Apparat — oder ein Raum, in dem ich vorkomme?

Von der Horde zur Kohorte

Moderne Gesellschaften organisieren viele ihrer kulturellen Muster noch immer so, als lebten Menschen in überschaubaren Gruppen. Doch die entscheidende Einheit moderner Entwicklung ist längst eine andere:

die Kohorte.

Ganze Jahrgänge durchlaufen ähnliche Schulen, digitale Räume, Krisenerfahrungen, Zukunftsängste und politische Enttäuschungen. Wenn solche Kohorten keine Erfahrung realer Mitgestaltung machen, verliert Demokratie ihre Reproduktionsfähigkeit.

Dann entsteht kein gemeinsames Zukunftsgefühl, sondern eine zerstreute Gleichzeitigkeit: viele Einzelne, viele Meinungen, viele Plattformen — aber wenig kulturelle Bindung.

Demokratie braucht deshalb nicht nur individuelle Bildung.
Sie braucht kohortenbezogene Erfahrungsräume.

Nicht als Gleichschaltung.
Sondern als gemeinsame Artikulationsmöglichkeit.

PSI-21: Demokratie erlebbar machen

PSI-21 steht für Politik, Schule und Internet im 21. Jahrhundert.

Es verbindet drei Räume, die heute oft getrennt nebeneinanderstehen:

Schule als Erfahrungs- und Kohortenraum.
Hier können Jugendliche gemeinsam wahrnehmen, reflektieren, formulieren und Verantwortung erproben.

Internet als öffentlicher Resonanz- und Dokumentationsraum.
Nicht als Datenprofil, nicht als Kampagne, nicht als algorithmisches Targeting, sondern als transparenter Raum, in dem Anliegen sichtbar und nachvollziehbar werden.

Politik als Entscheidungs- und Antwort­raum.
Nicht jede Forderung muss übernommen werden. Aber Politik muss öffentlich, begründet und verlässlich antworten.

Der entscheidende Unterschied lautet:

Jugendliche sollen nicht nur beteiligt werden.
Ihre Perspektiven müssen Folgen haben.

Nicht im Sinne automatischer Zustimmung.
Sondern im Sinne demokratischer Rückkopplung:

Was wird geprüft?
Was wird aufgegriffen?
Was wird abgelehnt?
Warum?
Wer ist zuständig?
Was passiert als Nächstes?

Erst dadurch wird aus Beteiligung Demokratieerfahrung.

Nicht als Projekt. Als Struktur.

Viele gute Ansätze existieren bereits: Jugendbeteiligung in Kommunen, 8er-Räte, Jugendforen, politische Bildungsprojekte, Formate wie „Pizza & Politik“, Beteiligungsparagrafen und lokale Initiativen.

Sie zeigen, dass es geht.

Aber sie bleiben oft punktuell, fragil und abhängig von engagierten Einzelpersonen. Sie erreichen nicht generationenweit jene Verlässlichkeit, die nötig wäre, um kulturelle Entwicklung dauerhaft zu stabilisieren.

PSI-21 fragt deshalb nicht: Wie schaffen wir noch ein gutes Projekt?

PSI-21 fragt:

Wie wird demokratische Selbstwirksamkeit zur wiederkehrenden Infrastruktur einer Gesellschaft?

Was die Grünen daraus lernen könnten

In der Anfangsphase der Grünen gab es viele Positionen, die die damalige Mehrheitsgesellschaft provozierten. Friedenspolitik, Anti-Atom-Bewegung, Feminismus, Ökologie, Basisdemokratie, neue Lebensformen — vieles davon stellte eingespielte Gewissheiten infrage.

Gerade dadurch wurden die Grünen interessant. Sie öffneten einen kulturellen Suchraum. Aber genau diese Provokation machte sie für große Teile der Bevölkerung zunächst auch schwer wählbar.

Heute stehen die Grünen vor einer anderen Aufgabe.

Es reicht nicht mehr, die Mehrheitsgesellschaft durch moralisch richtige Positionen zu provozieren. Die entscheidende Frage lautet nicht mehr nur: Welche Werte vertreten wir?

Sondern:

Welche gesellschaftlichen Lernprozesse ermöglichen wir?

Die Grünen könnten aus ihrer eigenen Geschichte lernen, dass kulturelle Erneuerung nicht dadurch entsteht, dass man Menschen belehrt. Sie entsteht, wenn übersehene Erfahrungsräume sichtbar und wirksam werden.

Heute ist eine dieser übersehenen Gruppen die Jugend.

Jugendliche werden adressiert, beschult, bewertet, geschützt, reguliert und manchmal symbolisch beteiligt. Aber sie werden selten als eigenständige Kultur- und Verantwortungsträger ernst genommen.

Eine radikale grüne Position bestünde heute nicht darin, die Mehrheitsgesellschaft erneut maximal zu provozieren. Sie bestünde darin, sich konsequent für eine andere unterprivilegierte Gruppe einzusetzen: für Jugendliche als Träger demokratischer Erneuerung.

Nicht, um sie für grüne Positionen zu gewinnen.
Sondern um ihnen die selbstwirksame Handlungsfähigkeit zu ermöglichen, die sie für ihre persönliche Entwicklung brauchen — und die zugleich stabile kulturelle Entwicklungsprozesse hervorbringt.

Das wäre Radikalität ohne Bevormundung.

Adultismus als blinder Fleck

Der Widerstand gegen eine solche Struktur hat viel mit Adultismus zu tun.

Adultismus bedeutet: Erwachsene halten ihre Perspektive für zuständig, reif und entscheidungsfähig — während jugendliche Perspektiven als vorläufig, emotional oder pädagogisch zu bearbeiten gelten.

Das geschieht oft ohne böse Absicht. Aber es wirkt strukturell.

Jugendliche dürfen mitreden, aber nicht mitprägen.
Sie dürfen Wünsche äußern, aber selten Verfahren verändern.
Sie dürfen Zukunft sein, aber nicht Gegenwart gestalten.

PSI-21 würde diesen blinden Fleck sichtbar machen. Es würde nicht die Entscheidungsmacht der gewählten Institutionen abschaffen. Aber es würde sie antwortpflichtig machen.

Genau darin liegt die demokratische Zumutung:

Nicht Jugendliche sollen immer recht haben.
Aber Erwachsene sollen nicht länger folgenlos über ihre Erfahrungswelt hinwegregieren.

Finnland als Hinweis, nicht als Kopie

Andere Länder zeigen, dass Resilienz nicht nur aus Sicherheitsarchitektur, Wohlstand oder Verwaltung entsteht. Sie entsteht auch aus Vertrauen, Bildung, gemeinschaftlicher Verantwortung und kultureller Einbindung.

Finnland wird oft als Beispiel für eine Gesellschaft genannt, die Glück, Bildung, Resilienz und gesellschaftliches Vertrauen stärker zusammendenkt als viele andere Länder. Daran lässt sich lernen — nicht im Sinne einer einfachen Kopie, sondern als Hinweis:

Stabile Gesellschaften entstehen nicht allein durch Programme.
Sie entstehen durch Kulturkontexte, die ihre Aufgabe erfüllen.

Solche Kulturkontexte vermitteln: Du bist Teil des Ganzen. Deine Entwicklung zählt. Verantwortung ist lernbar. Gemeinschaft ist nicht nur Rhetorik, sondern Erfahrung.

Genau das fehlt vielen modernen Demokratien.

Kipppunkte — und die Illusion der Mehrheit

Demokratie funktioniert, solange ihre kulturelle Grundlage trägt.

Doch Mehrheiten garantieren keine Zukunftsfähigkeit. Auch formal korrekte Entscheidungen verlieren Bindungskraft, wenn Menschen innerlich nicht mehr an das gemeinsame Projekt angeschlossen sind.

Wie in ökologischen Systemen gibt es auch in Demokratien Kipppunkte. Sie werden oft erst erkannt, wenn sie überschritten sind.

Vertrauen verschwindet nicht an einem Tag.
Zugehörigkeit bricht nicht plötzlich.
Kulturelle Bindung erodiert langsam.

Und wenn die Krise sichtbar wird, ist der günstigste Moment für Veränderung oft bereits verpasst.

Stagnation als Angstform

Gesellschaftliche Stagnation wirkt oft vernünftig. Sie tarnt sich als Vorsicht, Realismus oder Verantwortungsbewusstsein. Man will nichts überstürzen, keine Konflikte verschärfen, keine Zumutungen erzeugen.

Doch manchmal ist diese Vorsicht kein Zeichen von Reife, sondern Ausdruck nicht abgeschlossener Entwicklung.

Reife Gesellschaften können Veränderung halten. Sie können Konflikte zulassen, ohne sofort in Freund-Feind-Muster zu kippen. Sie können Unsicherheit aushalten, weil sie über Strukturen verfügen, in denen Neues geprüft, korrigiert und gemeinsam getragen werden kann.

Unreife Gesellschaften dagegen vermeiden Veränderung, bis sie durch Krisen dazu gezwungen werden. Dann handeln sie nicht im Dialog-Modus, sondern im Stress-Modus. Sie reagieren spät, hart, defensiv und oft ohne kulturelle Einbettung.

Genau darin liegt die Gefahr: Die Angst vor Veränderung verhindert rechtzeitige Entwicklung. Und das Ausbleiben rechtzeitiger Entwicklung vergrößert die Angst.

So entsteht ein Kreislauf aus Stagnation und Stress.

Gesellschaftliche Stagnation entsteht nicht nur durch fehlende Ideen, sondern durch fehlende Entwicklungssicherheit. Wer nie erfahren hat, dass Veränderung gemeinsam gehalten werden kann, erlebt Wandel als Bedrohung — und hält an Strukturen fest, die längst nicht mehr tragen.

PSI-21 wäre ein Versuch, diesen Kreislauf früher zu unterbrechen — nicht durch Appelle zum Mut, sondern durch Strukturen, in denen Mut überhaupt entstehen kann.

Kairos — der Moment, bevor es kippt

Der griechische Begriff Kairos bezeichnet den richtigen, den günstigen, den entscheidenden Moment.

Nicht irgendeinen Zeitpunkt.
Sondern das offene Fenster, bevor Entwicklung kippt.

Gesellschaften verändern sich selten allein durch Einsicht. Sie verändern sich, wenn ein Moment entsteht, in dem neue Wege notwendig werden — und wenn tragfähige Alternativen bereits vorhanden sind.

Vielleicht liegt genau hier der Kairos unserer Demokratie.

Die offene Frage lautet nicht:

Sind wir zu dumm für die Zukunft?

Sie lautet:

Sind unsere Institutionen bereit, lernfähig zu werden — indem sie das kreative Potenzial der nächsten Generation strukturell aufnehmen?

PSI-21 ist ein Vorschlag für diese Lernfähigkeit.

Es ist kein Heilsversprechen.
Es ist kein Jugendmarketing.
Es ist keine parteipolitische Kampagne.

Es ist der Versuch, Demokratie dort wieder erfahrbar zu machen, wo sie kulturell entsteht: in der Sozialisation einer Generation.

Schluss: Der Mut zum Dialog-Modus

Der Mut zum Dialog-Modus ist kein Luxus. Er ist eine Investition in die Zukunftsfähigkeit demokratischer Gesellschaften.

Eine Demokratie, die Jugendliche nur belehrt, produziert Anpassung oder Widerstand.

Eine Demokratie, die Jugendlichen antwortet, erzeugt Mündigkeit.

Wenn wir nicht wollen, dass Erwachsene weiter „Pubertät spielen“, während Jugendliche folgenlos bleiben, müssen wir die produktive Irritation dorthin zurückholen, wo sie entwicklungslogisch hingehört: in die Jugendphase — geschützt, reflektiert, öffentlich und politisch rückgekoppelt.

Die nächste kulturelle Entwicklungsstufe entsteht nicht durch bessere PR.
Sie entsteht durch Strukturen, in denen junge Menschen erfahren:

Meine Wahrnehmung zählt.
Meine Fragen haben Folgen.
Meine Gesellschaft ist gestaltbar.

Das wäre der Anfang einer Demokratie, die wieder lernen kann.


Idiocracy: Zu dumm für die Zukunft?

Diese provokante Frage stellen Harald Lesch und Aladin El-Mafaalani.

Noch nie wusste die Menschheit so viel über ihre Zukunftsprobleme – und doch gelingt es uns immer weniger, sie gemeinsam zu lösen.

Vielleicht liegt das Problem nicht im Wissen,
sondern darin, wie wir gesellschaftliche Entwicklung organisieren.


Bildung NEU DENKEN mit Hartwin Maas

(Nachtrag vom 10. 04. 2026)

Bildung entscheidet darüber, wer Zukunft gestalten kann. Doch es geht längst nicht mehr nur darum, Wissen zu vermitteln – sondern darum, Menschen handlungsfähig zu machen.
Mit Zukunftsforscher Hartwin Maas fragen wir:

  • Welche Kompetenzen brauchen wir wirklich?
  • Und wie muss sich Bildung verändern, damit Menschen nicht nur mithalten – sondern aktiv die Welt von morgen mitgestalten können?

🎥 Habermas in 60 Minuten

📄 PSI-21 Konzept
https://days4future.eu/psi-21/

Berlin, vom 23.03. 2026

Über den Autor
Albert Reinhardt beschäftigt sich mit Fragen kultureller Evolution, demokratischer Lernprozesse und Jugendbeteiligung in komplexen Gesellschaften.
Im Mittelpunkt seiner Arbeit steht die Frage, wie demokratische Institutionen das kreative Potenzial junger Generationen stärker in gesellschaftliche Entwicklungsprozesse einbinden können.
Der hier dargestellte Ansatz ist Teil des Buchprojekts:

„Kairos kontra Krise – Evolutionäre Wege zur kulturellen Mündigkeit“

Das Manuskript analysiert, warum moderne Gesellschaften trotz hoher Wissensstände häufig im Stress-Modus politischer Kommunikation verharren – und welche Rolle Jugendkulturen als mögliche Kultur-Innovatoren für den Übergang in einen Dialog-Modus spielen können. |

Eine Rohfassung des Buches steht derzeit online als Download zur Verfügung.
Für eine überarbeitete Printausgabe wird ein Verlag gesucht.

Weitere Informationen und Download:
https://c.web.de/@337590250505245815/oKSqtF-stC69tx2OmIGCaA


Deutsches Schulbarometer_ 25 Prozent der Schüler ist psychisch belastet

deutsches-schulbarometer-schuelerbefragung-2026-die-wichtigsten-ergebnisse

Alexander Brand
Redakteur

Deutsches Schulbarometer Schüler:innen Studie: 25 Prozent der Kinder und Jugendlichen psychisch belastet
Die Ergebnisse des „Deutschen Schulbarometers Schüler:innen 25/26“ machen deutlich, mit welchen Problemen junge Menschen in Schule aktuell konfrontiert sind. So zeigt jedes vierte Kind psychische Auffälligkeiten, ein Drittel wird regelmäßig gemobbt, und die Mehrheit wünscht sich mehr Mitbestimmung in der Schule. Die repräsentative Umfrage der Robert Bosch Stiftung unter Kindern und Jugendlichen zwischen 8 und 17 Jahren findet nach 2024 bereits zum zweiten Mal statt. Das Schulportal hat hier die wichtigsten Ergebnisse zusammengefasst.
Sandra Hermes 18. März 2026


Warum können wir nicht mehr reden? Jürgen Habermas

Jürgen Habermas: Sprache, Vernunft und kommunikative Ordnung
MOOCit

Fragen, die wir uns stellen sollten

• Sind unsere Medien auf Verständigung oder nur auf Aufmerksamkeit ausgelegt?
• Fördert unsere Bildung kritisches Argumentieren oder nur messbare Leistung?
• Zielen unsere politischen Debatten auf Rechtfertigung oder auf Mobilisierung?
• Ermutigen Plattformen zu Verbindung oder nur zur Performance?


Die Durchrohung der Gesellschaft

Prof. Dr. Wilhelm Heitmeyer, 16. März 2026

Seit vielen Jahren ist in der Gesellschaft die Frage virulent, ob das Verhalten in privaten, öffentlichen und institutionellen Räumen zunehmend verroht. Verschiedene Formen der Gewalt treten im Privaten in nahen sozialen Räumen von Ehen und Familien auf. In öffentlichen Räumen richten sie sich etwa gegen Polizei, Feuerwehr und Rettungskräfte. Sie sind aber auch in öffentlichen Verkehrsmitteln, im Straßenverkehr, bei Sportveranstaltungen oder gegen Obdachlose zu beobachten. Und wenn wir an institutionelle Räume denken, dann betreffen diese Formen der Gewalt Schulen, Kirchen, Sportvereine ebenso wie Krankenhäuser oder Altenheime. Gewalt gegen Amtsträgerinnen und das Personal öffentlicher Einrichtungen ist keine Seltenheit mehr. Dabei wurde von Bedrohungen und Hass gegen Andersdenkende in den virtuellen Räumen des Internets noch gar nicht gesprochen. Wilhelm Heitmeyer hat sich in einer Vielzahl vielbeachteter Studien mit Menschenfeindlichkeit und Gewalt befasst – und analysiert diese nun im Zusammenhang mit der Ökonomisierung des Sozialen, mit Kontrollverlusten und einem zunehmenden Gefühl der Orientierungslosigkeit. In Verbindung mit einer abnehmenden Ambivalenz und Ambiguitätstoleranz, mit dem Verlust von Empathie und mit der schwindenden Verbindlichkeit von Rechtsnormen führe dies – so seine These – zur Durchrohung der Gesellschaft.
Eine Kooperation mit Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V., gefördert durch „Demokratie leben!“
Prof. Dr. Wilhelm Heitmeyer
ist Senior Professor an der Universität Bielefeld. Er war Gründer und von 1996 bis 2013 Direktor des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung. Seine Forschungsschwerpunkte sind Gewalt, Rechtsextremismus, ethnisch-kulturelle Konflikte, soziale Desintegrationsprozesse und Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Dazu hat er vor allem Langzeituntersuchungen durchgeführt wie von 2002 bis 2011 die zehnjährige Studie zur Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit in der Bevölkerung, die in zehn Bänden „Deutsche Zustände“ bei Suhrkamp erschienen sind. Die letzten beiden Bücher zur Thematik waren 2018 „Autoritäre Versuchungen“ und 2020 „Rechte Bedrohungsallianzen“ (zusammen mit M. Freiheit und P. Sitzer), die beide bei Suhrkamp erschienen sind.