Und ewig murmelt das Pubertier
Idiocracy: Zu dumm für die Zukunft?
Diese provokante Frage stellen Harald Lesch und Aladin El-Mafaalani.
Noch nie wusste die Menschheit so viel über ihre Zukunftsprobleme – und doch gelingt es uns immer weniger, sie gemeinsam zu lösen.
Vielleicht liegt das Problem nicht im Wissen,
sondern darin, wie wir gesellschaftliche Entwicklung organisieren.
Keine Wissenskrise – eine Strukturkrise
Unsere Gesellschaft scheitert nicht am Denken, sondern an ihrer Kommunikationsform.
Politik gerät zunehmend in einen Stress-Modus:
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Polarisierung statt Dialog
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Abgrenzung statt Verständigung
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Mobilisierung statt gemeinsamer Wirklichkeitsbildung
Demokratie funktioniert formal weiter –
doch ihre kulturelle Grundlage beginnt zu erodieren.
Die verdrängte Rolle der Jugend
Hinter dem Gefühl eines politischen „Durcheinanders“ könnte eine unbequeme Einsicht liegen:
👉 Gesellschaften brauchen Irritation.
👉 Sie brauchen das „Pubertier“.
Die Jugendphase ist kein Störfaktor,
sondern ein evolutionärer Mechanismus kultureller Erneuerung:
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infrage stellen
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Reibung erzeugen
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neue Perspektiven einbringen
Wenn Jugendliche jedoch nicht die Möglichkeit bekommen, sich konstruktiv als zukünftige Staatsbürger zu definieren, entsteht ein Vakuum.
Und dieses Vakuum bleibt nicht leer.
Wenn Erwachsene „Pubertät“ spielen
Wo die Jugend nicht irritieren darf,
übernehmen andere diese Rolle – aber im falschen Modus.
Erwachsene, die „Pubertät spielen“, sind nicht auf "vernünftige" Verständigung aus.
Sie sind auf Aufmerksamkeit aus – um jeden Preis.
Die entscheidende Frage lautet daher:
👉 Wem gestehen wir in einer Demokratie zu, Aufmerksamkeit zu erzeugen?
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Jugendlichen, die versuchen, konstruktiv Zukunft zu gestalten?
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oder Akteuren, die vom Konflikt leben und das System selbst destabilisieren?
Unter Bedingungen von PSI-21 fordern Jugendliche durchaus Veränderung – auch disruptive.
Aber sie tun dies auf Grundlage gemeinsamer Reflexion und Erfahrung.
So entsteht nicht nur politische Forderung,
sondern ein stabiles kulturelles Fundament.
Das Vakuum wird gefüllt
Wo Jugendliche nicht als Kultur-Innovatoren wirken können, übernehmen andere diese Funktion – auf ihre Weise:
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populistische Bewegungen
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radikale Vereinfachungen
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künstlich erzeugte Konflikte
Was wie politische Radikalisierung erscheint,
ist oft ein fehlgeleiteter Ersatz für fehlende gesellschaftliche Irritation.
Nicht mehr die Jugend stellt die Fragen –
sondern Akteure, die den Stress-Modus systematisch verstärken.
Habermas – und die doppelte Lücke
Jürgen Habermas hat gezeigt:
👉 In der Sprache liegt ein Versprechen auf Verständigung.
👉 Kommunikation kann zu Vernunft führen.
Doch dieses Versprechen erfüllt sich nicht von selbst.
Heute zeigt sich eine doppelte Lücke:
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Der herrschaftsfreie Diskurs bleibt ein Ideal
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die gesellschaftlichen Bedingungen dafür verschwinden
Wenn Verständigung der Motor der Entwicklung ist – warum zerfällt sie gerade?
Die übersehene Antwort
Weil wir vergessen haben, wo Verständigung entsteht:
nicht in Talkshows
nicht in Parlamenten
sondern:
👉 in der Sozialisation einer Generation
Demokratie wird nicht nur entschieden.
Sie wird erlernt.
Die eigentliche Krise der Demokratie
Demokratie lebt nicht nur von Institutionen.
Sie lebt von Selbstbildern:
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Teil eines gemeinsamen Projekts zu sein
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gehört zu werden
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wirksam zu sein
Fehlen diese Erfahrungen, entsteht:
👉 formale Legitimität ohne kulturelle Bindung
Ein Haus ohne Fundament.
Von der Horde zur Kohorte
Wir organisieren Gesellschaft noch immer wie kleine Gruppen.
Doch die entscheidende Einheit moderner Entwicklung ist eine andere:
👉 die Kohorte – ganze Generationen
Wenn ganze Jahrgänge keine Erfahrung von Mitgestaltung machen, verliert Demokratie ihre Reproduktionsfähigkeit.
PSI-21: Demokratie erlebbar machen
PSI-21 verbindet:
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Schule (Erfahrungsraum)
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Politik (Entscheidungsraum)
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Internet (öffentliche Resonanz)
Jugendliche erleben:
👉 ihre Perspektiven haben Folgen
👉 Politik reagiert
👉 Gesellschaft ist gestaltbar
Nicht als Projekt.
Sondern als Struktur.
Inseln, die zeigen, dass es geht
In Baden-Württemberg existieren bereits Ansätze:
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§41a GemO (Jugendbeteiligung)
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8er-Räte
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„Pizza & Politik“
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Landesjugendforum
Doch sie bleiben:
👉 punktuell
👉 fragil
👉 nicht generationenweit wirksam
Kipppunkte – und die Illusion der Mehrheit
Demokratie funktioniert, solange ihre kulturelle Grundlage trägt.
Doch Mehrheiten garantieren keine Zukunftsfähigkeit.
Wenn demokratische Selbstbilder erodieren,
verlieren Entscheidungen ihre Bindungskraft –
auch wenn sie formal korrekt sind.
Wie bei ökologischen Systemen gilt:
👉 Kipppunkte werden oft erst erkannt, wenn sie überschritten sind.
Kairos – der Moment, bevor es kippt
Gesellschaften verändern sich selten durch Einsicht.
Sie verändern sich, wenn ein Moment entsteht, in dem neue Wege notwendig werden.
Dieser Moment heißt:
👉 Kairos
Doch damit er genutzt werden kann,
müssen Alternativen bereits existieren.
Die offene Frage unserer Zeit
Habermas hat gezeigt, dass Verständigung möglich ist.
Unsere Zeit zeigt, dass sie nicht selbstverständlich ist.
👉 Wer kann diese Lücke füllen, wenn nicht die Generation, die gerade heranwächst?
Die entscheidende Frage lautet daher nicht: Sind wir zu dumm für die Zukunft? Sie lautet: Sind unsere Institutionen bereit, lernfähig zu werden – indem sie das kreative Potenzial der nächsten Generation strukturell aufnehmen? Der griechische Begriff Kairos bezeichnet den richtigen Moment für Veränderung. Vielleicht liegt genau hier der Kairos unserer Demokratie. Jugendliche sind nicht nur Empfänger von Bildung. Sie sind Träger der nächsten kulturellen Entwicklungsstufe. Der Mut zum Dialog-Modus ist deshalb kein Luxus. Er ist eine Investition in die Zukunftsfähigkeit demokratischer Gesellschaften.
Weiterführend
🎥 Habermas in 60 Minuten
📄 PSI-21 Konzept
https://days4future.eu/psi-21/
Berlin, vom 23.03. 2026
| Über den Autor |
|---|
| Albert Reinhardt beschäftigt sich mit Fragen kultureller Evolution, demokratischer Lernprozesse und Jugendbeteiligung in komplexen Gesellschaften. |
| Im Mittelpunkt seiner Arbeit steht die Frage, wie demokratische Institutionen das kreative Potenzial junger Generationen stärker in gesellschaftliche Entwicklungsprozesse einbinden können. |
Der hier dargestellte Ansatz ist Teil des Buchprojekts:
„Kairos kontra Krise – Evolutionäre Wege zur kulturellen Mündigkeit“
Das Manuskript analysiert, warum moderne Gesellschaften trotz hoher Wissensstände häufig im Stress-Modus politischer Kommunikation verharren – und welche Rolle Jugendkulturen als mögliche Kultur-Innovatoren für den Übergang in einen Dialog-Modus spielen können. |
Eine Rohfassung des Buches steht derzeit online als Download zur Verfügung.
Für eine überarbeitete Printausgabe wird ein Verlag gesucht.
Weitere Informationen und Download:
https://c.web.de/@337590250505245815/oKSqtF-stC69tx2OmIGCaA
Deutsches Schulbarometer_ 25 Prozent der Schüler ist psychisch belastet
deutsches-schulbarometer-schuelerbefragung-2026-die-wichtigsten-ergebnisse
Alexander Brand
Redakteur
Deutsches Schulbarometer Schüler:innen Studie: 25 Prozent der Kinder und Jugendlichen psychisch belastet
Die Ergebnisse des „Deutschen Schulbarometers Schüler:innen 25/26“ machen deutlich, mit welchen Problemen junge Menschen in Schule aktuell konfrontiert sind. So zeigt jedes vierte Kind psychische Auffälligkeiten, ein Drittel wird regelmäßig gemobbt, und die Mehrheit wünscht sich mehr Mitbestimmung in der Schule. Die repräsentative Umfrage der Robert Bosch Stiftung unter Kindern und Jugendlichen zwischen 8 und 17 Jahren findet nach 2024 bereits zum zweiten Mal statt. Das Schulportal hat hier die wichtigsten Ergebnisse zusammengefasst.
Sandra Hermes 18. März 2026
Warum können wir nicht mehr reden? Jürgen Habermas
Jürgen Habermas: Sprache, Vernunft und kommunikative Ordnung
MOOCit
Fragen, die wir uns stellen sollten
• Sind unsere Medien auf Verständigung oder nur auf Aufmerksamkeit ausgelegt?
• Fördert unsere Bildung kritisches Argumentieren oder nur messbare Leistung?
• Zielen unsere politischen Debatten auf Rechtfertigung oder auf Mobilisierung?
• Ermutigen Plattformen zu Verbindung oder nur zur Performance?
Die Durchrohung der Gesellschaft
Prof. Dr. Wilhelm Heitmeyer, 16. März 2026
Seit vielen Jahren ist in der Gesellschaft die Frage virulent, ob das Verhalten in privaten, öffentlichen und institutionellen Räumen zunehmend verroht. Verschiedene Formen der Gewalt treten im Privaten in nahen sozialen Räumen von Ehen und Familien auf. In öffentlichen Räumen richten sie sich etwa gegen Polizei, Feuerwehr und Rettungskräfte. Sie sind aber auch in öffentlichen Verkehrsmitteln, im Straßenverkehr, bei Sportveranstaltungen oder gegen Obdachlose zu beobachten. Und wenn wir an institutionelle Räume denken, dann betreffen diese Formen der Gewalt Schulen, Kirchen, Sportvereine ebenso wie Krankenhäuser oder Altenheime. Gewalt gegen Amtsträgerinnen und das Personal öffentlicher Einrichtungen ist keine Seltenheit mehr. Dabei wurde von Bedrohungen und Hass gegen Andersdenkende in den virtuellen Räumen des Internets noch gar nicht gesprochen. Wilhelm Heitmeyer hat sich in einer Vielzahl vielbeachteter Studien mit Menschenfeindlichkeit und Gewalt befasst – und analysiert diese nun im Zusammenhang mit der Ökonomisierung des Sozialen, mit Kontrollverlusten und einem zunehmenden Gefühl der Orientierungslosigkeit. In Verbindung mit einer abnehmenden Ambivalenz und Ambiguitätstoleranz, mit dem Verlust von Empathie und mit der schwindenden Verbindlichkeit von Rechtsnormen führe dies – so seine These – zur Durchrohung der Gesellschaft.
Eine Kooperation mit Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V., gefördert durch „Demokratie leben!“
Prof. Dr. Wilhelm Heitmeyer
ist Senior Professor an der Universität Bielefeld. Er war Gründer und von 1996 bis 2013 Direktor des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung. Seine Forschungsschwerpunkte sind Gewalt, Rechtsextremismus, ethnisch-kulturelle Konflikte, soziale Desintegrationsprozesse und Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Dazu hat er vor allem Langzeituntersuchungen durchgeführt wie von 2002 bis 2011 die zehnjährige Studie zur Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit in der Bevölkerung, die in zehn Bänden „Deutsche Zustände“ bei Suhrkamp erschienen sind. Die letzten beiden Bücher zur Thematik waren 2018 „Autoritäre Versuchungen“ und 2020 „Rechte Bedrohungsallianzen“ (zusammen mit M. Freiheit und P. Sitzer), die beide bei Suhrkamp erschienen sind.
