„Die größte Gefahr für die meisten von uns besteht nicht darin, dass wir unsere Ziele zu hoch stecken und sie nicht erreichen, sondern darin, dass wir sie zu niedrig stecken und sie erreichen.“
— Michelangelo Buratti
Vom Diagnostizieren zur Gestaltung – und warum wir PSI-21 jetzt brauchen
Diese Einsicht ist nicht nur klug, sondern unbequem: Gerade dort, wo wir uns im Bildungsdiskurs einig sind – etwa darüber, dass Demokratie „gelernt und gelebt werden muss“ –, setzen wir die Messlatte oft so niedrig, dass wir sie erreichen, ohne wirklich Veränderung zu bewirken. Und dann wundern wir uns, wenn unser System sich als „leistungsfähig“ feiert, während gleichzeitig politische Apathie, Fragmentierung und legitime Krisenerscheinungen zunehmen.
Was also bedeutet es, wenn wir fragen: Wie politisch muss die Bildung sein?
Wir müssen diese Frage nicht abstrakt beantworten – wir müssen sie konkret beantworten. Anstatt zu analysieren, woran unser System krankt, müssen wir darüber sprechen, wie wir die Bedingungen für demokratische Kulturentwicklung tatsächlich gestalten können.
Genau darum geht es in dem aktuellen Konzept Kairos kontra Krise: Die gegenwärtige Epoche ist nicht nur eine Phase der Analyse – sie ist ein gestaltbarer Wendepunkt, ein „Kairos“ für kulturelle Neugestaltung, nicht nur für Krisendefinitionen.
I. Diagnose allein ist nicht genug
In der Tradition vieler politischer Bildungsdiskurse wird Demokratie oft als eine Kompetenz verstanden, die es zu vermitteln gilt – als Lerngegenstand, als Wertelandschaft oder als methodisches Toolkit. Verbreitete Formulierungen wie „Demokratie lernen und leben“ klingen einleuchtend und erzeugen Zustimmung. Doch genau hierin liegt das Problem: Jede Person nimmt solche Sätze zunächst so wahr, wie sie selbst Demokratie bereits versteht. Weil viele Menschen implizite Sozialisationsannahmen über Demokratie haben, wird ein normativer Konsens suggeriert, der in Wirklichkeit nur unterschiedliche Privat-Kohärenzen überlagert.
Es entsteht der Eindruck eines gemeinsamen Problems, obwohl in Wahrheit sehr verschiedene Wirklichkeitsbilder miteinander verhandelt werden.
Dies entspricht der Diagnose im Days4Future-Beitrag „Zwischen Diagnose und Gestaltung“: Wir verharren zu sehr in der Analyse der Probleme und zu wenig in der Erkundung der Entwicklungspotentiale.
Und so bleiben die meisten bildungspolitischen Debatten auf der Ebene von Symptombeschreibungen stecken:
• demokratieferne Haltungen
• sinkendes Vertrauen
• politische Apathie
• Unfähigkeit zur kollektiven Problemlösung
Diese Symptome sind real, aber unzureichend als Ausgangspunkt – denn sie führen nicht zur Frage der Bedingungen, unter denen Demokratie wirklich internalisiert wird.
II. Gestaltung als politische Bildungsaufgabe
Kairos bedeutet nicht nur Chance, sondern Zeitpunkt der Entscheidung, der Weichenstellung. Die gegenwärtige Krise – verstanden als strukturelles Spannungsfeld zwischen Horden- und Massengesellschaftslogiken – eröffnet Möglichkeit zur grundsätzlichen Reorganisation der kulturellen Entwicklungswege.
In der evolutionären Perspektive des Kairos kontra Krise wird die Jugendphase als neurobiologisch hochspezialisierter Zeitraum verstanden, in dem kulturelle Innovationskraft und Anpassungsfähigkeit simultan erzeugt werden.
Diese Phase ist kein Übergang, der „überstanden“ werden muss, sondern ein Kritischer Entwicklungsraum, der ohne passende kulturelle Unterstützung verhungert – mit fatalen Folgen für Demokratie als adaptive kollektive Praxis.
Hier entsteht der Wendepunkt: Bildung muss nicht nur Wissen vermitteln – sie muss kulturelle Entwicklungsbedingungen schaffen, in denen Jugendliche sozial wirksam, verantwortlich und partizipativ handeln können. Nicht als Lernende, die Inhalte aufnehmen, sondern als aktive Subjekte, die an der gesellschaftlichen Wirklichkeit mitwirken und sie mitgestalten.
III. Was bedeutet das für unsere politische Bildungsrealität?
Die etablierten Bildungsakteure und Institutionen sind oft rhetorisch stark, strukturell solide – aber kulturell träge: Sie reproduzieren Beteiligungsformate, die zu selten echte Rückkopplung erzeugen.
Deshalb erleben viele Jugendliche Politik als symbolisch, nicht als wirklich wirksam. Dies korrespondiert exakt mit dem Befund in „Kairos kontra Krise“, dass bestehende Beteiligungsverfahren oft Entfremdung statt Bindung erzeugen.
So entsteht eine paradoxe Situation:
• Wir sprechen über demokratische Bildung als politisches Ziel,
• während wir gleichzeitig Strukturen reproduzieren, die Jugendliche von politischer Wirksamkeit ausschließen.
Und dann wundern wir uns, dass viele junge Menschen Politik ablehnen oder resignieren.
IV. PSI-21 als praktischer Beitrag zur Gestaltung
Nach mehr als 25 Jahren Intensiveinsatz für PSI-21 steht die Frage im Raum: Ist das die Art von Demokratiebildung, die zu neuen Lernerfolgen für gesellschaftliche Entwicklung führen kann?
Wenn „Demokratiebildung“ bedeutet, standardisierte Beteiligungsformate zu wiederholen, dann lautet die ehrliche Antwort: Nein. Solche Formate verstärken oft den Stress-Modus, in dem Menschen reagieren, statt den Dialog-Modus, in dem sie gestalten.
PSI-21 ist anders: Es zielt darauf, einen vertrauensvollen Bindungsprozess zwischen Jugendlichen und demokratischen Wirklichkeitsebenen zu schaffen – nicht Macht über sie auszuüben, sondern mit ihnen an ihnen zu lernen.
Dafür schlägt es vor, einen geschützten, medial und sozial vernetzten Freiraum zu entwickeln, in dem Jugendliche nicht nur über Politik sprechen, sondern politische Realität mitprägen, etwa durch Initiativen, die gesellschaftliche Entwicklung konkret beeinflussen.
Das bedeutet:
- echte Mitgestaltung statt bloßer Beteiligung
- Rückkopplung statt Konsensseminar
- kollektive Intelligenz statt Einzelwissen
- Bindung statt leere Zustimmung
Dies ist keine „politischere“ Bildung im herkömmlichen Sinne – sondern eine politische Bildung, die demokratische Kultur wirklich generiert.
V. Warum PSI-21 jetzt erproben?
Die Situation ist nicht allein prekär – sie ist kulturell festgefahren: Politische Bildungsakteure haben PSI-21 nicht erprobt, nicht einmal ausprobiert, obwohl es seit Jahren verfügbar ist. Das ist kein rein praktisches Versäumnis – es ist ein kulturelles Symptom: Wir wiederholen unsere eigenen Sozialisationsmuster, anstatt die strukturellen Bedingungen zu verändern, unter denen Demokratie entsteht.
Wenn wir wirklich wollen, dass Demokratie überlebt, müssen wir aufhören, sie als Gegenstand zu behandeln – und anfangen, sie als Prozess zu gestalten.
VI. Ein Schlussappell: Bildung als Gestaltungskraft
Die gegenwärtige Krise ist mehr als eine Phase der Diagnose – sie ist ein Kairos: ein Zeitpunkt, an dem wir entscheiden, ob Bildung weiterhin als Verwaltung von Wissen fungiert oder als Gestaltungskraft, die kulturelle Entwicklungsbedingungen schafft.
PSI-21 bietet einen solchen Ansatz:
einen strukturierten, praxisnahen Weg, demokratische Kultur mit Jugendlichen zu gestalten – nicht nur über sie zu reden.
Und genau darin liegt die eigentliche politische Dimension von Bildung: nicht mehr oder weniger Politik im Lehrplan, sondern Komplexität reduzieren, Wirksamkeit erhöhen, Bindung erzeugen.
Wenn wir Demokratie wirklich stärken wollen, dann müssen wir sie nicht nur politisch denken – wir müssen sie organisch gestalten. Das ist kein Luxus, das ist eine kulturelle Notwendigkeit.
Veranstaltungshinweis
Bündniskonferenz 2026
Bündniskonferenz 2026
„Wie politisch muss die Bildung sein?!“
martas, Lehrter Str. 68, 10557 Berlin
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